Staatstheater Nürnberg
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Die neue Wirklichkeit ins Spiel bringen

Alkmene, die weibliche Hauptfigur in Kleists Komödie „Amphitryon“, beendet das Stück mit einem vieldeutigen „Ach!“ – und wie es der Zufall, für den sich Kleist ja brennend interessiert hat, wollte, war genau dies das letzte Wort, das auf der Bühne des Schauspielhauses fiel. Dann kam der Lockdown, und wir mussten nicht nur die vielversprechende Produktion von Anne Lenk eine Woche vor der Premiere abbrechen, sondern auch selbst für eine Zeit verstummen.

Schnell hat das Arbeiten und Nachdenken sich dann im Digitalen Fundus seine Wege gesucht: mit einer Webserie in Kooperation mit dem Bayerischen Rundfunk, mit Lesungen und dem Import/Export Café online, das seit Mai regelmäßig Raum für Austausch und Gespräch über Themen unserer diversen Stadtgesellschaft bietet. Die 3. Etage, die vorerst leider geschlossen bleibt, konnten wir mit der „3. Etage Outdoor“ als Bühne für alle Sparten auf den Schauspielhausvorplatz verlegen, und unser Hausautor schrieb und realisierte diverse Onlineausgaben von „Löhles Kommentar zur Wirklichkeit“.

Das Beobachten, Beschreiben und nicht zuletzt das Spielen mit dieser Wirklichkeit ist Potenzial und Aufgabe des Theaters. Und so stand für uns schnell fest: Den bestehenden Spielplan für 20/21 wollen wir nicht einfach versuchen zu retten, sondern wir müssen unter neuen Bedingungen und mit aller Kraft einen neuen machen, der auf zwei Weisen mit der Krise umgeht: Inhaltlich, mit Blick auf die Themen und Fragen der neuen Realität, aber auch formal, indem wir versuchen, die weitgreifenden Einschränkungen produktiv zu machen für neue Formen und Räume oder radikale Reduktion.

So ist Kleists „Erdbeben in Chili“ nicht nur ein Text, der uns unsere Gefühle und Gedanken angesichts einer (Natur-)Katastrophe spiegeln kann, der eine Liebesgeschichte mit einer Gesellschaftskrise kollidieren lässt, sondern auch Anlass für mich als Regisseur, eine einfache Form des Erzähltheaters zu untersuchen: Was schafft die reine Sprache auf der Bühne? Was kann es für ein Ereignis werden, Figuren beim Erzählen zuzusehen?

Boris Nikitins „Erste Staffel. 20 Jahre Großer Bruder“ verbindet sich auf ganz andere Weise mit unserer neuen Realität: Isolation und Leben im virtuellen Raum gehören nicht nur zur TV-Serie „Big Brother“, sondern auch zu unserer Lebenswirklichkeit in den vergangenen Monaten.

Andreas Kriegenburg wird wieder bei uns inszenieren und nicht nur unsere Linie mit antiken Stoffen fortsetzen, sondern mit Sophokles „Antigone“ auch danach fragen, welche Ambivalenzen Auflehnung gegen die Regeln des Staates in der aktuellen Weltlage lostreten kann. Dass wir Regie-Stars der allerersten Reihe auch in diesen unsteten Zeiten gewinnen konnten, freut mich besonders im Fall von René Pollesch, der seine hochgelobte Theaterkunst erstmals in Nürnberg präsentieren wird. Und auch ein Theaterparcours durch verschiedenste Räume im Schauspielhaus sowie später im Herbst ein Projekt von Philipp Löhle und mir unter dem Titel „Neue Normalität“ stehen im Zeichen der formalen wie inhaltlichen Auseinandersetzung.

Im Frühjahr wird sich Anne Lenk mit Racines „Phädra“ einem Kunstwerk widmen, in dem Sprechen Handeln bedeutet, und das sich anbietet für Zeiten, in denen Berührung und Körperlichkeit auf der Bühne erst langsam zurückzuerobern sein werden. Zu den Highlights der zweiten Spielzeithälfte gehört sicher auch die musikalische Version von Lewis Carrolls „Alice im Wunderland“ in der Regie von Johanna Wehner: Theaterzauber und das Eintauchen in ganz andere Welten sollen nicht zu kurz kommen in einem Spielplan, mit dem wir neben aller Analyse auch die langsame Rückkehr des Theaters feiern wollen als einen sinnlichen, spielerischen Wunderort, der uns das Staunen lehrt. Das mit Ihnen gemeinsam zu tun, darauf freuen wir uns sehr und diesmal noch ein bisschen mehr.

Ihr Jan Philipp Gloger
Schauspieldirektor

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