Staatstheater Nürnberg
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Angst und Träume ...

In den vergangenen Monaten waren der Verzicht auf unsere künstlerische Freiheit, die Kontaktbeschränkungen und damit auch der Verlust des energetisch aufgeladenen Zuschauerraums schmerzvoll, beunruhigend und prägend zugleich. Tanz lebt vom Kontakt zweier und mehr Menschen. Dieser entscheidende Faktor, bzw. die entsprechenden Einschränkungen haben mein Nachdenken über Tanzkunst, Choreografie und Bewegungsrepertoire in den letzten Wochen wesentlich beeinflusst. Als Choreograf bin ich von den äußeren Umständen dazu aufgerufen, innerhalb meiner Kunstgattung weiterzudenken.

Dazu müssen wir die Fragen dieser Zeit stellen, denn Corona wird uns noch einige Zeit beschäftigen: Wovor hatten/haben wir Angst? Was macht die Isolation mit uns? Wie stark irritiert uns die Distanz, die wir nun zueinander einhalten müssen? Werden wir, trotz aller Regelungen, Fehler der Vergangenheit wiederholen?

Aufgrund all dieser Fragen bin ich generell auf Kindermärchen gekommen, genauer auf das berühmte musikalische Märchen von „Peter und der Wolf“. Kindermärchen sind universell und suchen Antworten auf ebensolche immer wiederkehrende Fragen.

Peter ist eigentlich isoliert, traut sich nicht nach draußen – dort lauert die Gefahr. Aus diesem Gedanken heraus ist mein Konzept für „Über den Wolf“, eine Choreografie nach Prokofjews ikonischem Werk entstanden. Das Inszenierungskonzept ist abgestimmt auf Jugendliche und Erwachsene und soll ihnen den Zugang zu ihrem Innenleben, zu ihren Gefühlswelten bereiten. Die einzelnen Instrumente werden hier den unterschiedlichen Emotionen zugeordnet. Der Umgang mit Unbekanntem, mit Unsicherheit ist im Fokus meiner Idee.

Wir haben Sehnsucht nach Kontakt, aber wir dürfen uns nicht nah begegnen. Die sozialen und gesellschaftlichen Formen der zwischenmenschlichen Begegnung sind aufgelöst worden, müssen neu definiert und geübt werden. – Und so geht Peter schließlich doch nach draußen auf Entdeckungsreise und begegnet nicht zuletzt sich selbst.

Mein langjähriger künstlerischer Partner, der Komponist Owen Belton, wird Prokofjews Partitur mit seinem atmosphärischen Sounddesign kombinieren und die tiefen Seelenwelten hörbar machen. Die Premiere Ende Oktober wird für uns alle sicher eine berührende, positive Zäsur in dieser Krisenzeit sein.

Noch vor dieser ersten Premiere der Saison möchte ich Ihnen im Rahmen der Compagniepräsentation alle neuen und bewährten Kräfte des Staatstheater Nürnberg Balletts vorstellen. So wird uns die Besonderheit des Moments, Ihnen ein multinationales Ensemble vorzustellen, das in den letzten Monaten Hürden nehmen musste, um nun bei uns zu sein, umso bewusster und wertvoller.

Als weiteren Ausblick auf die bevorstehende Spielzeit darf ich Ihnen meine Pläne zu „Goldberg“ vorstellen. Bachs berühmte gleichnamige Variationen sind ein Auftragswerk Graf von Keyserlingks, mit dem er „in seinen schlaflosen Nächten ein wenig aufgeheitert werden könnte“. Krisenzeiten verursachen durchaus schlaflose Nächte. Die Idee zu dieser Neukreation wurde allerdings schon lange vor Corona geboren.

Mich interessiert dieses diffuse, psychologisch immer wieder aufs Neue erforschte Zwischenreich von Wachen und Träumen. Owen Belton wird auch in dieser Produktion Auszüge aus dem kunstvoll-vielschichtigen Original behutsam mit einer Neukomposition verbinden.

Im Sommer 2021 ist geplant, die Premiere des dreiteiligen Abends „Naharin/Clug/Montero“ nachzuholen. Diese Produktion war fast fertig geprobt und nahezu „bühnenreif“, bevor alle Veranstaltungen abgesagt wurden. Nun freue ich mich, die beiden Gastchoreografen präsentieren zu können, die derzeit einen Spitzenplatz in der Welt des zeitgenössischen Tanzes halten: Ohad Naharin mit seinem Stück „Secus“ und Edward Clug mit „Handman“. Meine Choreografie „Submerge“ vervollständigt wie geplant den Dreiteiler.

Als Wiederaufnahme ist der große Publikumsmagnet „Strawinsky“ disponiert: Der zweiteilige Abend mit „Petruschka“ in der Choreografie von Douglas Lee und mit meiner Kreation „Sacre“, steht im Frühling auf dem Plan.

Liebes Publikum, mehr denn je haben wir erfahren müssen, dass die Zukunft ungewiss ist. Es wird eine Phase des künstlerischen und organisatorischen Experimentierens sein, aber wir wollen keine Kompromisse aufgrund von Einschränkungen machen. Dies zu realisieren, sind Erfindergeist, Offenheit und Zuversicht gefragt.

Wir freuen uns auf alle zukünftigen Begegnungen und Theatermomente mit Ihnen, unserem Publikum. Wir möchten Sie nicht mehr vermissen müssen.

Herzlich, Ihr Goyo Montero
Ballettdirektor und Chefchoreograf

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